Bundesweites Bündnisprojekt für mehr Mieterschutz

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Berlin braucht ein Sofortprogramm gegen Verdrängung durch Eigenbedarf

Neues Konzept schlägt Ankaufsagentur vor: Gefährdete Häuser sichern, bevor Mieter*innen ihre Wohnungen verlieren

Berlin erlebt seit Jahren eine wachsende Zahl von Eigenbedarfskündigungen. Die Ursache liegt häufig in der früheren Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen. Während neue Umwandlungen bis 2029 stark begrenzt sind, bleibt der bereits umgewandelte Bestand eine zentrale wohnungspolitische Herausforderung.

Allein seit 2011 wurden in Berlin mehr als 176.000 Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umge­wandelt. Hinzu kommen mehrere hunderttausend weitere Wohnungen aus früheren Umwandlungs­wellen. In vielen dieser Häuser laufen in den kommenden Jahren gesetzliche Kündigungssperrfristen aus.

Die sozialen Folgen der zurückliegenden Umwandlungswellen treten mit zeitlicher Verzögerung hervor. Mit jeder Umwandlung wuchs der Bestand an Wohnungen, in denen künftig Eigenbedarfskündigungen möglich werden. Die großen Umwandlungsjahrgänge der vergangenen Jahre bilden ein wachsendes Verdrängungspotenzial, das sich in den kommenden Jahren zunehmend auswirken wird. Rund 200.000 Bewohner*innen sehen sich dem Verdrängungsrisiko durch Eigenbedarf ausgesetzt.

Von 1991 bis 2024 ist aus den Daten der IBB-Wohnungsberichte die Anzahl der umgewandelten Wohnungen in Berlin nachweisbar. Im Ergebnis bestehen allein aus dem Umwandlungsgeschehen, das um die Jahre 2000 und 2021 besonders ausgeprägt war, eine Anzahl von 362.652 umgewandelte Wohnungen in der Stadt.

Die Erfahrung bei der Mieter*innenberatung zeigt zudem, dass Eigenbedarfs­kündigungen in zahl­reichen Fällen nicht dem tatsächlichen Bedarf der Eigentümer*innen oder Angehörigen dienen. Der Deutsche Mieterbund schätzt, dass bis zu 50 Prozent der Eigenbedarfskündigungen vorgeschoben sein könnten. Hinter solchen Fällen steht nicht Wohnbedarf, sondern der Versuch, durch Verdrängung und anschließende Verwertung der Wohnung höhere Erträge zu erzielen.

„Wir müssen handeln, bevor eine Eigenbedarfskündigung ausgesprochen wird, und bestehende bezahlbare Mietverhältnisse frühzeitig sichern. Rechtliche Schutzregelungen bleiben wichtig, verändern aber die Eigentumsstruktur nicht. Deshalb brauchen wir zusätzlich ein Instrument, das Wohnungen dauerhaft in gemeinwohlorientierte Strukturen überführen kann“, sagt Florian Schmidt, Bezirksstadtrat für Bauen, Planen, Kooperative Stadtentwicklung in Friedrichshain-Kreuzberg (Bü’90/Die Grünen).

Dafür legt das Bündnis Wohnungsnot durch Umwandlung und Eigenbedarfskündigungen stoppen! gemeinsam mit Expert*innen aus Immobilienwirtschaft, Genossenschaften, Finanzierung und Stadtentwicklung ein Konzept für ein Berliner Sofortprogramm vor.

Eine Ankaufsagentur soll aus organisierten Hausgemeinschaften und konkreten Sicherungsinteressen ankaufsfähige Projekte entwickeln.

Kern des Vorschlags ist der Aufbau einer professionellen Ankaufsagentur. Sie soll Hausgemeinschaften beraten, geeignete Fälle prüfen und gemeinsam mit zukünftigen Bestandshaltern konkrete Ankaufs­perspektiven entwickeln.

Ein Betroffener aus der Graefestraße sagt: „Wir haben uns als Hausgemeinschaft zusammengetan, weil wir unser Zuhause nicht einfach verlieren wollen. Wir recherchieren, organisieren Treffen, sprechen mit Genossenschaften und versuchen alles, was möglich ist. Aber irgendwann stoßen wir an Grenzen: Ein Haus zu kaufen, zu finanzieren und dauerhaft zu sichern ist professionelle Projektentwicklung. Wir können das nicht neben unseren Berufen und unserem Alltag leisten. Deshalb schwanken viele von uns ständig zwischen der Hoffnung, dass wir eine Lösung finden, und der Angst, dass wir am Ende trotzdem verdrängt werden.“

Heute fehlt genau diese Schnittstelle: Betroffene Mieter*innen haben keine Möglichkeit, einen komplexen Immobilienerwerb zu organisieren. Genossenschaften und gemein­wohlorientierte Bestands­halter verfügen zwar über die Bereitschaft, aber nur begrenzte Kapazitäten für die aufwendige Vorprüfung und Projekt­entwicklung vieler einzelner Häuser. Banken und Förder­programme greifen erst, wenn ein tragfähiges Projekt bereits entwickelt wurde.

Die Ankaufs­agentur soll diese Lücke schließen.

Sie entwickelt gemeinsam mit organisierten Hausgemein­schaften aus einer möglichen Ankaufs­perspektive ein finanzierungs­fähiges Projekt und verbindet dabei:

  • Hausgemeinschaften,
  • Genossenschaften,
  • landeseigene Wohnungsunternehmen,
  • weitere gemeinwohlorientierte Bestandshalter,
  • Banken und Förderinstitutionen.

Bestehende Fördermittel wirksamer einsetzen

Das Programm schafft keine neue Eigentumsform und ersetzt keine bestehenden Förder­instrumente. Es sorgt dafür, dass vorhandene Möglichkeiten besser genutzt werden können.

Gerade bei genossen­schaftlichen Lösungen stehen heute verbesserte Fördermöglich­keiten zur Verfügung. Die KfW unterstützt den Erwerb von Genossenschafts­anteilen mit stark verbilligten Krediten und einem Tilgungs­zuschuss von 15 Prozent. Auch Berlin verfügt über Förder­instrumente für WBS-berechtigte Haushalte.

Diese Instrumente erreichen bisher jedoch nur einen kleinen Teil der möglichen Projekte. Der Grund liegt nicht allein in fehlenden Fördermitteln, sondern in fehlender Projekt­entwicklung: Es fehlt eine Struktur, die aus einzelnen Fördermöglichkeiten konkrete Ankaufsvorhaben entwickelt.

„Gemeinwohlorientierte Ankäufe stehen vor zwei großen Hürden: der aufwendigen Projektentwicklung und strukturellen Problemen der Genossenschafts­förderung. Gerade für kleinere Genossenschaften und Häuser mit Instandsetzungsbedarf stößt die Bestands­erwerbs­förderung schnell an Grenzen. Gleichzeitig erreichen die GIMA und ihre Mitglieds­genossen­schaften immer wieder Anfragen aus aufgeteilten Häusern. Die Ankaufsagentur könnte daraus trag­fähige Projekte entwickeln und zugleich helfen, die Finanzierungs­bedingungen gemeinsam mit den Genossenschaften und dem Land weiter­zuentwickeln“ sagt Julian Zwicker von der GIMA Berlin-Brandenburg und dem Bündnis junge Genossenschaften.

Kommunale Ankäufe vorbereiten

Die Ankaufsagentur soll nicht auf genossenschaftliche Modelle beschränkt sein. Auch der Erwerb durch landeseigene Wohnungs­unternehmen kann eine geeignete Sicherungs­strategie sein.

Bei kommunalen Ankäufen können die Finanzierungs­modelle aus Unternehmens­mitteln, Fremd­finanzierung und gegebenenfalls projektbezogener Eigenkapitalstärkung durch das Land Berlin bestehen. Die Ankaufs­agentur kann die wirtschaftlichen Grundlagen solcher Erwerbe vorbereiten und damit politische Entscheidungen über strategische Ankäufe unterstützen.

Ein begrenzter öffentlicher Mitteleinsatz kann dauerhaft Wohnraum sichern

Das vorgeschlagene Programm finanziert nicht den Ankauf von Häusern durch das Land. Es finanziert die notwendige Entwicklungsarbeit, die heute fehlt.

Das Land übernimmt dabei zunächst das Risiko der frühen Projektentwicklung. Erfolgreich realisierte Projekte sollen dagegen die Kosten der für sie erbrachten Entwicklungsleistungen übernehmen. Dadurch wird der öffentliche Mitteleinsatz gezielt eingesetzt, um zusätzliche gemeinwohlorientierte Ankäufe zu ermöglichen.

„Die kommunalen Vorkäufe haben gezeigt, dass Berlin gefährdete Mietverhältnisse dauerhaft sichern kann. Die Ankaufsagentur überträgt diese Erfahrung in ein neues Verfahren, das frühzeitig Eigentümer*innen, Hausgemein­schaften und gemeinwohlorientierte Bestandshalter zusammenbringt. Wenn das Land das Risiko der frühen Projektentwicklung abfedert, kann daraus ein wirksames Instrument zum Ausbau des gemeinwohl­orientierten Wohnungs­bestands werden“, sagt Ephraim Gothe, Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Berlin-Mitte (SPD). 

Das Konzept zeigt: Berlin verfügt bereits über viele notwendige Bausteine – Förderprogramme, Genossen­schaften, landeseigene Wohnungs­unternehmen und Finanzierungs­partner. Was fehlt, ist eine Struktur, die diese Bausteine systematisch zusammenführt.

Mit einer Ankaufsagentur kann Berlin aus der bisherigen Reaktion auf einzelne Verdrängungsfälle eine vorbeugende Strategie entwickeln: Bestehende Mietverhält­nisse sichern, bevor Verdrängung eintritt.

Download des Konzepts:

„Konzept für ein Berliner Sofortprogramm gegen Verdrängung durch Eigenbedarf, Sicherung bezahlbaren Wohnens in umgewandelten Häusern durch eine Ankaufsagentur für Beratung, Projektentwicklung und gemeinwohlorientierten Ankauf“

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In Zusammenarbeit von:AKS Gemeinwohl Baustelle Gemeinwohl Berliner Mieterverein e.V. Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin Bezirksamt Mitte von Berlin

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